#527 May 2007

Der vergnügte Beistrich

Kaum hatte der Schulwart das Klassenzimmer verlassen und abgesperrt, fingen die Buchstaben und Satzzeichen an miteinander zu plaudern.

„Ich“, so sprach das eingebildete E, „bin der meistgesprochene und -geschriebene Buch­stabe des Alphabets!“

„Da bin ich mir nicht so sicher“, erwiderte das elegante A.

„Meines Wissens komme auch ich sehr oft in der deutschen Sprache vor.“

„Deutsche Sprache, wie lächerlich!“ Mit diesen Worten mischte sich das vornehme Ypsilon in das Gespräch. „Wo, so frage ich euch, wird schon deutsch gesprochen – außer in Deutschland, Österreich, einem kleinen Teil der Schweiz und in Südtirol? Da bin ich schon lieber das Ypsilon. Ich bin ein wichtiger Buchstabe der englischen Sprache. Und die wird in Amerika genauso gesprochen wie in England, Schottland und Australien. Wenn ich überlege, wie viele bekannte und berühmte Schauspieler und Rocksänger mich allein mit dem Wort Yeah im Mund gehabt haben, verzichte ich gerne darauf, oft in der deutschen Sprache vorzukommen.

Außer­dem, liebes Fräulein E, Nordchinesisch ist die meistgesprochene Sprache der Welt. An die 800 Millionen Menschen sprechen diese Sprache, die auf Chinesisch Kuo-yü genannt wird, was so viel wie Mandarin-Sprache heißt. Und vielleicht, liebes Fräulein E, ist Ihnen dabei aufgefallen, dass im Wort Kuo-yü kein E vorkommt. Wohl aber ein O, ein Ü, ein U, ein K und: ein Ypsilon!“

Das hörten das rundliche O und das magere U gern. Diese beiden Buchstaben wurden, obwohl sie zur vornehmen Sorte der Selbst­laute gehörten, immer ein wenig benachteiligt. Auch das kantige K war mit den Worten des gelehrten Ypsilon höchst zufrieden.
„Ich bleibe aber trotzdem dabei, der meist-verwendete Buchstabe zu sein“, murmelte das beleidigte E, zog sich zurück und begann in einem Lexikon nach der Bestätigung seiner Behauptung zu suchen.

„Seid nicht so überheblich!“, rief der Punkt den streitenden Buchstaben zu. „Jeder von euch ist wichtig! Egal ob Selbst- oder Mitlaut. Was nützt der eine, wenn man zur Bildung eines Wortes den anderen braucht.“

„Bravo, gut gesagt, das ist ganz meine Meinung“, pflichtete das H bei. Da man es meist stumm aussprach, wurde es oft überhört. Im Alphabet hatte es das H daher am schwersten.
Wie so oft hatte der Punkt Recht. Deshalb akzeptierten auch die Buchstaben und übrigen Satzzeichen seine Vormachtstellung. Mit dem Punkt hörte jeder Satz, jedes Buch und fast jedes Gedicht auf. Manchmal durfte ein Frage- oder ein Rufzeichen für den Punkt einspringen, nie jedoch ein Buchstabe.

„Ihr seid alle so wichtig, nur mich, mich mag keiner!“ Es war der kleine Beistrich, der sich meldete.

„Mit mir sind alle unzufrieden. Die Schüler, weil sie mich nicht richtig setzen können, und die Lehrer, weil sie mich entweder überhaupt nicht oder an der falschen Stelle finden.

Es ist zum Verzweifeln! Oft frage ich, warum gibt es mich überhaupt?

Das Schlimmste aber ist, dass man mich in der Schweiz und in Deutschland nicht einmal unter meinem richtigen Namen kennt. Dort werde ich Komma genannt!“
„Ach, du bist genauso wichtig wie alle anderen Satzzeichen auch!“, rief das Rufzeichen aus der hinteren Ecke hervor.

Vor langer Zeit hat sogar ein Beistrich einem Mann das Leben gerettet!

Was? Ein winzig kleiner Beistrich sollte einem großen Mann das Leben gerettet haben? Das konnten sich weder die Buchstaben noch die Satzzeichen vorstellen. Deshalb forderten sie das Rufzeichen auf, darüber zu berichten.
„Die Sache liegt nun schon einige Jahre zurück und geschah in Amerika“, erzählte das Rufzeichen. „Dort wurde ein Mann zum Tode verurteilt. Obwohl er immer wieder beschwor, das Verbrechen nicht begangen zu haben, blieb das Urteil aufrecht. In letzter Not schrieb der Mann an den Präsidenten seines Landes und ersuchte ihn, sich seines Falles anzunehmen.
Der Richter, der das Urteil verhängt hatte, war jedoch von der Schuld des Mannes überzeugt und wollte, dass das Urteil vollstreckt werde. Er gab daher den Auftrag ein Telegramm mit dem Wortlaut:
Wartet nicht, hängen!
an den Gefängnisdirektor zu senden. Der Gerichtsschreiber tat, wie befohlen und gab den Wortlaut telefonisch an das Telegrafenamt weiter. Doch dann geschah es. Durch eine Störung in der Telefonleitung entstand zwischen den Wörtern wartet und nicht eine kleine Unterbrechung. Der Beamte, der den Auftrag entgegennahm, dachte, dass der Beistrich hier gesetzt werden müsste, und schrieb daher auf das Telegramm: Wartet, nicht hängen!
Durch diesen Irrtum verzögerte sich die Hinrichtung um einige Tage. Inzwischen wurde der wirkliche Täter gefasst und somit die Unschuld des falsch Verurteilten bewiesen. Der Mann wurde freigelassen.

„Das ist ja eine tolle Geschichte“, rief der Punkt überrascht.

„Wer hätte gedacht, dass sich in unseren Reihen so ein Held befindet!“

„Davon wusste ich auch nichts“, erwiderte stolz der kleine Beistrich und strahlte dabei wie ein Großer. Auch die anderen Satzzeichen und Buchstaben diskutierten noch lange über das soeben Gehörte und waren sehr bestürzt darüber, wie knapp der falsch verdächtigte Mann der Verurteilung entgangen war. Selbst das eingebildete E musste zugeben, dass in diesem Fall der Beistrich wichtiger war.
So verging die Zeit und bald wurden alle müde. Der Punkt machte der Plauderei ein Ende. Nach und nach schliefen die Buchstaben und die Satzzeichen ein. Nur der kleine Beistrich konnte vor Aufregung lange nicht einschlafen und so war er auch der Einzige, der das Rufzeichen schnarchen hörte. Aber der kleine Beistrich war heute so zufrieden und glücklich, dass ihn das überhaupt nicht störte.

Der vergnügte Beistrich
Autor: Rudolf Gigler
Illustrationen: Simone Bachmayer
11,30 Euro
Erschienen im Unda Verlag

Quelle: Text und Illustration
http://www.unda.at/HP%20rgigler/Lesungen/Buchbeschreibung%20...

Rudolf Gigler
(geb. 13. Mai 1950 in Hartberg, Steiermark) ist ein österreichischer Schriftsteller und lebt in Stubenberg am See.

Verheiratet, Vater dreier Kinder. Im Jahre 1985 begann er die seinen Söhnen erzählten Geschichten aufzuschreiben. Im selben Jahr erschien sein erstes Kinderbuch „Der Faulpelz“. Auch im Rundfunk (Traummännlein, Klapotetz, Ö1) waren schon einige seiner Geschichten zu hören. Bei seinen Lesungen, die ihn bereits in alle Bundesländer sowie in die Schweiz, nach Südtirol, Deutschland, Belgien und Istanbul führten, werden die Kinder sehr stark in das Geschehen einbezogen. Die Lesungen, im Vorjahr in über 100 Schulen, Bibliotheken, Büchereien und Buchhandlungen haben viel Schwung und sind eine Mischung aus Vorlesen, Mitspieltheater und Tipps zum besseren Geschichtenschreiben, Entstehung eines Buches usw. Dabei kommt aber das Grundsätzliche, nämlich die Lust auf das Lesen zu wecken, nicht zu kurz.

1997 erhielt er für sein Buch „Der vergnügte Beistrich“ die Steirische Leseeule. Ein Preis, bei dem Kinder ihr Lieblingsbuch und ihren Lieblingsautor wählen.

Eine Besonderheit sind die von ihm geleiteten Literaturwerkstätten, bei denen die Kinder gemeinsam mit ihm ein Buch produzieren. Unter seiner Anleitung schreiben, zeichnen, gestalten und verlegen die Kinder ihr eigenes Buch. Bisher hat Rudolf Gigler über dreißig Kinder- und Jugendbücher geschrieben, davon zwölf gemeinsam mit Schülern. Dazu kommen noch diverse Beiträge in Schulbüchern und Anthologien sowie Theaterstücke.

http://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Gigler

»


Suche in leuropa.eu

(c) Copyright Robert Redl, Vienna, Austria. All rights reserved.

Permanent and Original URL of this page: http://leuropa.eu/der-vergn-gte-beistrich